Telekommunikation

Huawei startet die grosse Charme-Offensive aus China

Vorbild Europa: der Huawei-Campus in Shenzhen, China.

Der Smartphone-Gigant aus Shenzhen möchte sich als transparentes Unternehmen präsentieren. Das Ansehen hat im Westen zuletzt stark gelitten.

Die neuesten Innovationen des grössten Netzwerkausrüsters der Welt werden in Verona und Heidelberg ausgetüftelt. Zumindest scheinbar: Unter der gleissenden Sonne Südchinas hat Huawei ein Miniatureuropa errichtet, in dem die talentiertesten Ingenieure des Unternehmens ihre Büroräumlichkeiten haben. Durch den sogenannten Ox-horn Campus in Shenzhen führt ein roter Zug im Stile der Jungfraubahn. 1,5 Milliarden Dollar investierte Huawei, dass der europäische Flair die Kreativität seiner Mitarbeiter beflügeln soll.

Etwa für Talente wie den 27-jährigen Zhou Yuhao: Der Ingenieur hatte nach seinem Master-Abschluss an der Columbia Universität in einem New Yorker Startup gearbeitet. Im letzten Jahr liess er sich - trotz weniger Lohn - von Huawei in seine Heimat abwerben. «Einerseits wollte ich näher bei meiner Familie sein. Aber vor allem ist es eine Ehre, für Huawei zu arbeiten», sagt er.

Der Stolz Chinas auf seinen Tech-Giganten manifestiert sich im ultramodernen Huawei Flagship Store der Tech-Metropole Shenzhen: Auf Präsentiertischen werden die neuesten Smartphones von den kaufkräftigen Kunden bestaunt, in einem offenen Auditorium hält eine junge Video-Bloggerin gerade einen Kurs in social media. Die Dachterrasse gibt den Blick frei auf die futuristische Innenstadt Shenzhens, die sich nur in Nuancen von Abu Dhabi, Vancouver oder Chicago unterscheidet. Die steril sauberen Gehsteige werden gesäumt von LED-Werbetafeln über 5G, das soeben flächendeckend eingeführt wurde.

Mit lediglich 3500 US-Dollar Startkapital hat Ren Zhengfei in Shenzhen die Garagenfirma Huawei 1987 gegründet. Nur 0,2 Prozent aller Chinesen besassen damals einen Festnetzanschluss. Also importierte der Geschäftsmann aus Hongkong sogenannte Festnetzverteiler und verkaufte sie in den Provinzen Chinas weiter. Die eigene Produktion folgte erst später: Der Schritt von Billigelektronik bis hin zu Premium-Smartphones schafften die Ingenieure in Shenzhen in nur zwei Jahrzehnten.

Tech-Gigant zwischen den Fronten im Handelskrieg

Dieser Tage ist der weltweit grösste Netzwerkausrüster zwischen die geopolitischen Fronten Pekings und Washingtons geraten. Die Kosten des Handelskonflikts beziffert Firmengründer Ren auf 30 Milliarden US-Dollar Gewinneinbussen für die nächsten zwei Jahre. Dem Telekommunikationsunternehmen wurde per gerichtlichen Beschluss verboten, technische Ausrüstung aus den USA zu importieren.

Vor allem fürchtet Huawei den Druck der Trump-Regierung auf seine Verbündeten, Marktzugänge in Europa und anderen Drittländern zu verhindern. Die Argumentation Washingtons lautet: Wer das chinesische Unternehmen beim Ausbau von 5G-Netzwerken einbindet, läuft Gefahr, von Peking vollständig überwacht zu werden.

«Wir sind zwischen die Fronten geraten. Die Auswirkungen des Handelskriegs haben uns geschäftlich nicht groß getroffen, dafür unser Ansehen umso krasser», sagt der Australier Glenn Schloss, der als Vizepräsident die Kommunikationsabteilung Huaweis leitet. Wrights Job besteht darin, das angekratzte Image aufzupolieren. Er ist einer von über einem Dutzend Ausländern, die das chinesische Unternehmen als Teil einer Charme-Offensive für die PR-Abteilung angeheuert hat. “Huawei hat keinen guten Job in der Vergangenheit gemacht, sich selbst und seine Technologie zu erklären. Diesen Preis zahlen wir jetzt”, sagt Schloss.

Zwei Autostunden nördlich des Stadtzentrums von Shenzhen öffnet Huawei nun seine Pforten zur Smartphone-Produktion: In einem Fabrikkomplex von 1400 Quadratkilometern sorgen 20000 Angestellte dafür, dass jeden Monat über zwei Millionen Mobiltelefone vom Band gehen. Etwa das P30 Modell aus diesem Jahr: An der 120 Meter langen Fertigungsstrasse arbeiten von der Herstellung der Leiterplatte bis zum Anbringen des Barcodes lediglich 17 Mitarbeiter.

Fast alle Produtkionsschritte werden von Robotern erledigt, viele aus eigener Produktion. Wenn das fertige Smartphone am Ende des Fliessbands mehr als sechs Gramm über der Norm wiegt, müssen alle Einzelteile noch einmal überprüft werden. Endgültig in die Liga der Hochklasse-Smartphones hat Huawei das Modell Mate 20 X gehoben: Es ist das erste chinesische Mobiltelefon, dass 5G kompatibel ist.

«Bei 5G geht es darum, einen digitalen Zwilling der Stadt abzubilden, also möglichst viele Daten der Stadt zu integrieren”, sagt der Schweizer Felix Kamer, der bis vor kurzem als Verkaufsleiter in der Firmenzentrale in Shenzhen gearbeitet hat. Wie dies konkret aussieht, wird im Huawei Campus demonstriert, einem Silicon-Valley-Abklatsch aus dutzenden Forschungslabors in verspielter Architektur.

Bei Datenschützern läuten die Alarmglocken

Ein Ingenieur in Schlips, rahmenloser Brille und Soldatenfrisur präsentiert stolz die neuesten technischen Innovationen aus dem Hause des Tech-Riesen: Mithilfe von 5G werden bereits in einem Pilotprojekt in der inneren Mongolei Minentransporter durch die Kohlewerke fahrerlos betrieben. Die Technik verspricht eine höhere Effizienz und weniger Industrieunfälle.

Zudem feilt Huawei an einer umfassenden Überwachung, die unter Datenschützern in Europa die Alarmglocken schrillen lassen würde - etwa flächendeckend eingeführte Gesichtserkennungs-Kameras mit Ganzkörperscannern. «Diese werden bald anhand der Bewegungsabläufe im Ansatz erkennen können, ob etwa ein Passant ein Messer zückt. So lassen sich Verbrechen verhindern», sagt der Huawei-Ingenieur. «Unsere Kameras erfassen bis zu 300 Gesichter gleichzeitig. Das ist hilfreich an öffentlichen Plätzen mit vielen Menschen, wie etwa dem Platz des Himmlischen Friedens.»

Ausgerechnet an jenem historischen Ort in der Pekinger Innenstadt, an dem das chinesische Militär 1989 einen Volksaufstand brutal niedergeschlagen hat. Mithilfe von 5G und künstlicher Intelligenz wäre die Bewegung der Demokratieaktivisten wohl bereits im Keim erstickt worden.

Der Streit um die Vertrauenswürdigkeit Huaweis hat auch in der Schweiz längst für Diskussionen gesorgt. Besonders die Eigentümerstruktur hat den Verdacht staatlicher Einflussnahme begründet. Gründer Ren führt zwar de facto bis heute das Unternehmen, doch hält nur rund ein Prozent aller Anteile. Die restlichen 99 Prozent werden von der Mitarbeitergewerkschaft geführt, die über ihren Dachverband an den chinesischen Staat angebunden ist. Ob dies Huawei zum verlängerten Arm Pekings macht, liess sich bislang nicht beweisen. Huawei konnte die Vorwürfe bisher aber auch nicht vollständig entkräften.

Dass ein 5G-Netz mit Huawei-Technik Spionagekanäle zur chinesischen Regierung ermöglicht, schliesst Firmengründer Ren Zhengfei kategorisch aus: «Ein solches Sicherheitsabkommen können wir jederzeit unterschreiben». Er könne nicht verstehen, warum europäische Unternehmen das durch den Handelskrieg mit den USA entstandene Vakuum geschäftlich nicht besser nutzen: «Wenn es Geld zu machen gibt, wieso nicht die Chance nutzen?».

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