Eigentlich ist alles perfekt an diesem Freitagmorgen am Rheinfallquai in Neuhausen. Nur etwas stört ein wenig: die Sonne. Das zumindest finden einzelne Chinesinnen, die Teil der grössten Reisegruppe sind, die jemals die Schweiz bereiste. Vor allem jüngere Frauen schützen sich mit Brillen, Hüten und teils auch mit Schirmen gegen die Sonnenstrahlen. Nicht wegen des Hautkrebses. Sondern wegen des Schönheitsideals. Denn in China gilt weisse Haut bei vielen als edel und erstrebenswert und braune Haut als verpönt. «Nur Bauern haben eine braune Haut», sagt eine junge Chinesin lachend. Sie ist eine von insgesamt 12'000 Chinesinnen und Chinesen, die von ihrem Arbeitgeber Jeunesse Global, einem amerikanischen Vertriebsunternehmen für Gesundheits- und Schönheitsprodukte, zur Belohnung in die Schweiz eingeladen wurden.

Die chinesische Reisegruppe ist in mehrere Gruppen aufgeteilt. Momentan rollt die zweite Welle an und wird während sechs Tagen durch die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein geschleust. Bis am Sonntagabend werden weitere 4000 Personen den Rheinfall besichtigt und fotografiert haben.

Chinesische Juchzer

Trotz der Sonnenstrahlen war die Stimmung unter den chinesischen Besucherinnen und Besuchern am Freitag gut. Teils gar ausgelassen. Vor allem auf den Ausflugsbooten. Die Gischt des Rheinfalls schien für einige eine Art Schweizer Taufe gewesen zu sein. Denn auf der Rückfahrt der Boote hörte man so etwas wie chinesische Juchzer – und sogar Gesänge. «Die Schweiz ist wunderschön, das Wasser klar und die Luft so gut», sagten die Chinesinnen und Chinesen immer wieder. Zwar trugen dennoch Einzelne von ihnen einen Mundschutz. «Aber das ist wohl vor allem die Macht der Gewohnheit», meinte eine Reiseleiterin lächelnd.

Einzelne chinesische Besucher waren bereits zum zweiten Mal in der Schweiz. Sie hatten teils Geld von Verwandten mitgebracht, um in den nächsten Tagen «einige Uhren» zu kaufen. Andere hatten da offenbar deutlich weniger Geld zur Verfügung. Auf die Frage, ob sie für ihre Verwandten zu Hause ein Geschenk aus der Schweiz mitbringen wolle, erklärte eine junge Frau: «Ja, mein Geschenk für meine Familie sind die Fotos, die ich auf meinem Smartphone mache.» Und solche «Geschenke» wurden gestern unzählige gemacht. Vor allem Selfies.

Doch besonders viel Zeit blieb den asiatischen Gästen nicht, um sich und die spektakuläre Szenerie des Rheinfalls im Bild festzuhalten und auf sich einwirken zu lassen. Denn: «Es ist alles eng getaktet und schon vor vielen Wochen generalstabsmässig vorbereitet worden», sagt Schifffahrtsunternehmer Thomas Mändli, der die Bootsfahrten zum Rheinfall organisiert hatte.

Pflegeleichte Gäste

Über 30 Schweizer Reisecars haben gestern die chinesischen Gäste nach Neuhausen gefahren. Auf dem Parkplatz wurden sie sogleich in mehrere Gruppen eingeteilt und nach einem genauen Plan umhergeführt. Nichts wurde hier dem Zufall überlassen. «Es verlief bisher alles reibungslos», sagt Mändli. Das sei jedoch nicht besonders verwunderlich. «Denn die chinesischen Touristen verhalten sich stets höflich und korrekt.»

Perfekt vorbereitet ist auch das Restaurant Park am Rheinfall. Nach den Erfahrungen des ersten Besucheransturms von vor einer Woche schaut man der nächsten Welle nun relativ gelassen entgegen. «Die chinesischen Gäste sind wirklich sehr angenehm, sprich, pflegeleicht», sagt der aus Winterthur stammende Geschäftsführer Marco Pezzetta. «Klar ist, dass dies den bisher grössten Event in der Geschichte der Rheinfall-Gastronomie darstellt.»

«Den Chinesen schmeckts»

Bevor die Gäste kommen, herrscht bei den Kellnern emsiges Treiben. Sie verteilen auf die rot-weiss dekorierten Tische für insgesamt 560 Gäste Wasserkrüge – und einen kleinen Schoggigruss. Sobald die ersten Touristen da sind, wird das Essen serviert. Es gibt Hackbraten und Kartoffelsalat. Zum Dessert werden Caramelchöpfli aufgetischt. «Den chinesischen Gästen scheint unsere Küche zu schmecken», sagt Pezzetta. «Sie haben fast immer alles aufgegessen.»

30 Minuten haben die Chinesen Zeit für das Mittagessen. Dann gehts bereits wieder zurück zu den Cars. Auf dem Programm steht nun Vaduz. Und das Stichwort «Shopping».