Einen durchgehenden Spannungsbogen sucht man auf «No. 6 Collaborations Project» vergeblich, stattdessen trifft man auf ein Bündel unterhaltsamer Hits, zusammengehalten von einem extrem geschäftstüchtigen Superstar.

Die Erfolgswelle rollt und rollt

Man kann diesen mit seinen 28 Jahren immer noch sehr jungen Mann ohnehin beglückwünschen. Ed Sheeran lockte Ende Juni auf dem Hockenheimring an zwei Abenden jeweils 100 000 Leute an, wie immer völlig allein mit Gitarre, Keyboard und Loopstation. Das war selbst für ihn ein Rekord. 2018 setzte er bei 94 Konzerten 432 Millionen US-Dollar um, so viel wie niemand sonst. Mittlerweile soll er über ein Vermögen von 300 Millionen verfügen. In Danny Boyles neuem Film «Yesterday» spielt er souverän und selbstironisch sich selbst. Mit seiner Jugendliebe Cherry Lancaster Seaborn ist er seit Ende vergangenen Jahres (soweit bekannt) glücklich verheiratet. Und sein Anwesen in Suffolk mit Innen- und Aussenpool, Baumhaus, «Männerhöhle» und Pub wird nach jahrelangen Bauarbeiten so ganz allmählich fertig.

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Ed Sheeran wird Ketchup-Maskottchen

Endgültig auf den Olymp der Popkultur hievt diesen rothaarigen, bebrillten Jungen der vor Kurzem verkündete Deal mit der weltweit bekanntesten Ketchup-Firma, zu deren 150-Jahr-Firmenjubiläum eine Sonderedition der gezuckerten Tomatensauce angeboten wird. Die schmeckt wie immer, heisst aber, ja wirklich: EdChup. Das ist für alle Beteiligten bestechend, denn vor Längerem schon hat sich Sheeran, ein erklärter Ketchup-Fan, das Logo des Herstellers in Form einer Flasche auf den Arm tätowieren lassen.

Von allem ein bisschen: Rap, Hard Rock, Feelgood-Pop

Doch auch im Kerngeschäft gibt sich der Brite weiterhin keine Blösse und bringt zweieinhalb Jahre nach dem unfassbar erfolgreichen «Divide»-Album (mit «Perfect» und «Shape Of You» drauf) eine, wie er selbst es nennt, «Zusammenstellung» heraus, die den Hörer irritiert und überrascht. «Genres haben für mich nicht die geringste Bedeutung», sagt Sheeran, angesprochen auf den wilden und fast schon nach einer Art Zufallsprinzip ausgewählt wirkenden, aber auch sehr lebensfreudig und kurzweilig klingenden Stilmix auf dem neuen Album, dessen Titel «No. 6 Collaborations Project» um einiges sperriger ist, als die Songs selbst es sind.

Persönlichkeit, Ehrgeiz, Arbeit, Talent

Was es mit dem Namen auf sich hat? Bevor Sheeran mit seinem Song «The A-Team» und dem Debütalbum «+» berühmt wurde, brachte er jährlich ein solches Mitmachalbum heraus, zuletzt 2011 eben «No. 5». Der freundlich-ehrgeizige Charismatiker Sheeran, der seinen Erfolg mit jeweils einem Viertel «Persönlichkeit, Ehrgeiz, harter Arbeit und Talent» erklärt, sagt, er habe immer schon einen unterschiedlichen, nicht zu etikettierenden Musikgeschmack gehabt. Ed Sheeran sagt:

Alle Spielarten tummeln sich auf «No. 6 Collaborations Project». Der Clou: Für jedes einzelne Stück holte sich Sheeran gesangliche Unterstützung. Ein roter Faden entsteht auf diese Weise nicht. Sondern eher eine Ansammlung von potenziellen Hits mit einer Gemeinsamkeit: Ed Sheeran. Das luftige Sommerlied «I Don’t Care», längst ein Nummer-eins-Hit in Grossbritannien, aber auch ein bisschen belanglos, singt er zusammen mit Justin Bieber, für den er vor vier Jahren schon «Love Yourself» schrieb. «Beautiful People», eine Feelgood-Pop-Hymne, die das alltägliche Leben von ganz normalen Menschen preist, entstand gemeinsam mit dem amerikanischen Emo-Pop-Sänger Khalid.

Auf «Cross Me» wird es zusammen mit Chance The Rapper und PnB Rock ein bisschen rappiger und urbaner, bleibt aber immer noch gut verdaulich. «Best Part Of Me» ist nicht nur ein Duett mit der noch relativ unbekannten Sängerin Yebba, sondern auch eine ganz schöne Schnulze. Ed Sheeran wundert sich zu akustischem, sparsamem Arrangement darüber, warum zur Hölle seine Frau ihn liebt und kommt zum Schluss, dass seine Cherry zweifelsohne das Beste an ihm sei («the best part of me is you»).

Er versucht, sich einem neuen Publikum zu öffnen

Der mit Abstand coolste und originellste der fünfzehn Songs ist «Blow». Hier singt Sheeran mit Bruno Mars sowie mit Countrystar Chris Stapleton eine Nummer, die sich mit etwas Fantasie dem Genre Hard Rock zuordnen lässt. Irgendwo zwischen Lenny Kravitz und Led Zeppelin haben die drei hörbar Spass. Im Video zu «Blow» übernehmen drei weibliche Models die Rollen der Männer und lassen es krachen. Auf «Remember The Name» wiederum rappen die einstigen Erzfeinde Eminem und 50 Cent fröhlich miteinander. «Ich war das ganze vergangene Jahr auf Tour und habe diese Platte Stückchen für Stückchen aufgenommen», erklärt Ed die tröpfchenweise Entstehung des Projekts. Ed Sheeran strebt die Hörermassenmaximierung an.

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«Ich hoffe, die anderen Künstler neuen Kreisen von Leuten zuzuführen. Und ich versuche, mich selbst einem neuen Publikum zu öffnen.» Etwa den Rap-Fans. Niemand soll ihm mehr entgehen, Ed Sheeran für alle. Und für die Mitstreiter, so erfolgreich sie selbst auch sind, lohnt sich das Geschäft erst recht, denn Ed Sheeran ist im Popbusiness zurzeit die sicherste Bank von allen. Auch die Entwicklung, dass immer mehr einzelne Songs gestreamt und immer weniger komplette Alben verkauft werden, nützt dem «No. 6 Collaborations Project». Denn hier ist es sinnvoll, sich Stücke rauszupicken. Man muss aber ein harter Sheeran-Fan sein, um in der plakativen Bonbontüte von einem Album wirklich alles lecker zu finden.

Hinweis
Album «No.6 Collaborations Project» ab 12.7.2019