Es ist das Ende eines langen Probentages, die Fensterscheiben im alten Fabrikgebäude sind beschlagen von der feuchtwarmen Luft. Doch von Müdigkeit ist den 13 Tänzerinnen und Tänzern und dem achtköpfigen Ensemble nichts anzumerken. «Vamos!», klingt es vom anderen Ende des Raumes, wo Brigitta Luisa Merki steht. Auf der Bühne begeben sich die Tänzer in Position.

Was jetzt kommt, ist eine einzigartige Verschmelzung verschiedener Stile. Hebefiguren, Breakdance-Einlagen, Flamenco. Schnelle, wilde Momente wechseln sich ab mit ruhigen, zerbrechlichen. Seit 2007 stellt Brigitta Luisa Merki Künstlerinnen unterschiedlichster Stilrichtungen und Kunstsparten gemeinsam auf die Bühne in der Klosterkirche Königsfelden. «Ikarus, stirb oder flieg», ist die siebte Produktion ihrer Tanzplattform «tanz&kunst königsfelden».

Stilgrenzen überwinden

Während der Probe spricht die künstlerische Leiterin meist Spanisch, ab und zu fallen ein paar Worte auf Englisch. «Es dauert immer etwas länger, bis wir uns verständigt haben», sagt sie beinahe entschuldigend. Wie ihre Stilrichtungen sind auch die Tänzer sehr unterschiedlich, kommen aus Spanien, Italien, Kanada und der Schweiz. Merki stellte das Team gemeinsam mit dem kanadischen Choreografen Rob Kitsos zusammen, ein Prozess, der lange dauerte. «Wir suchten offene Leute, die Spass daran haben, über die Grenzen ihres eigenen Stils hinaus den Dialog zu suchen», so Merki. Zum ersten Mal seit der Gründung von «tanz&kunst» arbeitet sie mit professionellen Breakdancern aus der internationalen Szene zusammen.

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Beim Zuschauen wird schnell klar, warum sie sich dafür entschieden hat. Mit ihrer Kraft stellen die Tänzer die Schwerkraft infrage, machen Saltos und lassen ihre Beine im Handstand durch die Luft fliegen. Fliegen – das zentrale Thema der Ikarus-Sage. Mehr und mehr geraten die Tänzerinnen und Tänzer in Flugrausch, schweben, fallen und stehen wieder auf. «Ikarus, stirb oder flieg», nimmt die zentralen Elemente der Sage auf, interpretiert sie jedoch neu. Der Traum vom Fliegen, der in sämtlichen Kulturen präsent ist, faszinierte Merki. Für sie endet er jedoch nicht mit dem Absturz: «Wir beginnen am Ende der Geschichte und entwickeln sie von diesem Punkt aus weiter.»

Zweiter Probenstart

Die Tänzer zeigen eindrücklich, wie sie sich nach dem Unglück wieder aufraffen. Die Szene endet nicht in Trauer, sondern in einer tänzerischen Explosion, die sich langsam aufbaut. «Wir lehnen uns mit dieser Produktion mutig aus dem Fenster», sagt Merki nach der Probe. Doch die Euphorie im Team ist gross. Nach Probeschluss dringt noch Musik aus der Halle, einige Tänzer sind geblieben, um weiter zu üben. Trotz der Sprachbarriere sei der Zusammenhalt im Team nach sechs Wochen schon intensiv.

Die Musik für das Projekt kommt vom Aargauer Komponisten Christoph Huber, der sie gemeinsam mit den Choreografen erarbeitete. Wie Tanz und Musik in der Klosterkirche harmonieren, wissen Merki und ihr Team zum Zeitpunkt unseres Besuches noch nicht. «Das wird noch mal wie ein neuer Probenstart sein.»

Während der Proben im Studio installierte Roman Sonderegger das zentrale Stück des Bühnenbildes, einen überdimensionalen Flügel aus Holz, der weit über dem Boden schwebt. Dem Künstler war es wichtig, mit seiner Installation die Symmetrie des Raumes zu brechen. Tatsächlich erinnert mit Tribüne, Lichtinstallationen und Bühnenbild nicht mehr viel an das Kirchenschiff. Wie Ikarus in diesem Setting abhebt, wird sich an der Premiere zeigen.

Ikarus, stirb oder flieg Premiere am 24. Mai, weitere Vorstellungen bis 23. Juni. Klosterkirche Königsfelden, Windisch.