Junge Leute in Abendkleidung suchen bereits am Nachmittag verzweifelt nach einem Ticket für «The Dead Don’t Die» von Jim Jarmusch. «Please! Please!», stand auf den eilig gebastelten Kartonschildern. Der 66-jährige amerikanische Kultregisseur wird auf der ganzen Welt geliebt und verehrt.

Seit Jarmush 1984 mit «Stranger Than Paradise» die Goldene Kamera für den besten Debütfilm gewonnen hat, war er immer wieder in Cannes. «Broken Flowers» wurde 2005 mit dem Grossen Preis der Jury für den originellsten Wettbewerbsbeitrag ausgezeichnet, «Only Lovers Left Alive», «Ghost Dog: The Way Of The Samurai», «Dead Man», «Mystery Train», «Down By Law» und zuletzt «Paterson» waren im Rennen um die Goldene Palme. Jarmuschs Kurzfilm «Coffee And Cigarettes» erhielt 1993 den Hauptpreis für den besten Kurzfilm.

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Gut gelaunte Stars

Ein Zombie-Film also eröffnet eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt, und wäre er nicht von Jim Jarmusch, wäre das wohl nie passiert – Cannes steht nicht so auf Genre-Filme. Mit «The Dead Don’t Die» hat der Filmemacher einen Cast mitgebracht, der es in sich hat: Die zeitlos schöne Tilda Swinton gibt locker-lässig Autogramme in ihrer typisch englischen Art, Bill Murray ist wie immer zu Spässen aufgelegt und greift sich überraschend die Frau eines Gala-Paars, um mit ihr über den Roten Teppich zu marschieren.

Diese schleift tunlichst ihren Mann hinterher. Daneben agieren Adam Driver und Cloë Sevigny eher zurückhaltend – wie auch der Regisseur selber –, während sich die Newcomerin in der grossen Jarmusch-Filmfamilie, Popsängerin Selena Gomez, gekonnt in Szene setzt.

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Die Gala-Eröffnung beginnt mit einer Hommage an die grosse, Ende März verstorbene Autorenfilmerin Agnès Varda. Der grösste Albtraum sei es, wenn niemand ins Kino komme, um seinen Film zu sehen, sagte sie in ihrem letzten Film «Varda par Agnès». So setzt denn der französische Schauspieler Edouard Baer, der durch die Eröffnungszeremonie führt, zu einer ironischen Liebeserklärung aufs Kino an, und die schlechten Zuschauerzahlen und der ganze Knatsch mit Netflix sind vorübergehend vergessen.

«The Dead Don’t Die» feiert vor vollen Rängen Weltpremiere. Auch die Journalisten standen bis zu einer Stunde in der Schlange für diesen Eröffnungsfilm, der um die Goldene Palme konkurriert. Und man kann sagen, Jarmusch war schon lange nicht mehr so lustig – vielleicht seit «Night On Earth» nicht mehr – und garantiert noch nie so blutig.

Gespickt mit Filmzitaten

Nach dem alternativen Western «Dead Man», dem Samurai-Gangsterfilm «Ghost Dog: The Way Of The Samurai» und dem melancholischen Vampirfilm «Only Lovers Left Alive» liefert Jarmusch nun seinen ureigenen Beitrag zum Horrorgenre. Die Zombie-Komödie ist angesiedelt in der fiktiven Kleinstadt Centerville, «a real nice place»: ein paar hundert Einwohner, Diner, Motel, Eisenwarenhandlung.

Chief Cliff Robertson (Murray) und Deputy Ronnie Peterson (Driver) sorgen für Recht und Ordnung, während Mindy Morrison (Sevigny) auf der Polizeistation die Stellung hält. Ihr vermeintlich grösstes Problem ist gerade der Einsiedler Hermit Bob, gespielt von Tom Waits, der dem rassistischen Farmer Miller (Steve Buscemi) ein Huhn gestohlen haben soll.

Doch es mehren sich die Zeichen eines grösseren Unheils. Es ist eine grossartige Eröffnungsszene, die Ronnie mit den Worten «This isn’t gonna end well, Cliff» beschliesst – eine Dialogzeile, die sich als eine Art Running Gag durch den ganzen Film zieht.

Witzig sind die unzähligen Filmzitate, von «Night Of The Living Dead» über «Psycho» bis hin zu «Ghostbusters», sowie die politischen Seitenhiebe: «Keep America White Again» steht etwa auf Millers Mütze. Atmosphärisch ist die Zombie-Komödie eine Hommage an «Fargo» der Coen Brothers, mit einem ebenso grossartigen Cast, aus dem Tilda Swinton als «Samurai-Bestatterin», aber auch Murray und Buscemi herausragen. Und Iggy Pop als koffeinsüchtiger Zombie ist eine Klasse für sich.

Das Erwachen der Toten unter einem riesigen, lila umrandeten Mond benutzt Jarmusch als Metapher auf den Zustand der Welt, beherrscht von Umweltzerstörung, Rassismus und alles beherrschendem Konsum. Das Spiel funktioniert perfekt, dem noch eine ernste Seite hinzuzufügen, nur bedingt. Insbesondere aber fehlt es «The Dead Don’t Die» an Dramaturgie und an einem überzeugenden Schluss. So wurde während des ganzen Films viel und oft gelacht – der Schlussapplaus ist dann aber eher verhalten.

72. Filmfestspiele von Cannes noch bis 25. Mai.